Kiez im Kiez – Das Dragonerareal, Berlin
Das Dragonerareal befindet sich im Herzen von Berlin-Kreuzberg, zwischen Mehringdamm und Yorckstraße, eingebettet in ein historisch gewachsenes Quartier mit vielfältiger Nutzungsstruktur. Der Standort ist sowohl durch seine zentrale Lage als auch durch seine besondere städtebauliche Geschichte geprägt: Ursprünglich als preußisches Militärgelände genutzt, entwickelte sich das Areal über Jahrzehnte zu einem komplexen Geflecht aus gewerblichen Nutzungen, Wohnen, Handwerk und kulturellen Einrichtungen. Die städtebauliche Leitidee, entwickelt von SMAQ und Man Made Land, sieht eine Bebauung vor, die den historischen Hofcharakter wieder aufnimmt und gleichzeitig großzügige Durchwegungen und Sichtbeziehungen ermöglicht.
Das Baufeld „Los B“ mit den Gebäuden Haus I, Haus H und Haus K liegt im südlichen Teil des Areals und grenzt an zentrale Erschließungsachsen und Freiraumstrukturen. Die Neubauten reagieren in Maßstab, Proportion und Materialität auf den denkmalgeschützten Bestand, insbesondere auf die historischen Kasernengebäude mit ihren charakteristischen Backsteinfassaden. Haus I, H und K bilden gemeinsam einen Teil des umlaufenden Blockrands, öffnen sich jedoch durch gezielte Durchgänge und transparente Erdgeschosszonen zum Innenhof und zum öffentlichen Raum.
Die Baukörperhöhe staffelt sich in Anpassung an den Kontext: Haus I mit sechs Vollgeschossen, Haus H mit sieben Vollgeschossen und Haus K mit acht Vollgeschossen. Diese Staffelung schafft einen harmonischen Übergang zwischen den angrenzenden Neubauten und dem Bestand und betont den zentralen Freiraum als räumliche Mitte. Alle Dachflächen sind als Flachdächer ausgeführt, extensiv begrünt und zu rund 30 % mit Photovoltaikanlagen belegt. Die Dachbegrünung dient der Regenwasserrückhaltung, verbessert das Mikroklima und trägt zum sommerlichen Wärmeschutz bei, während die PV-Anlagen einen Beitrag zur Eigenstromerzeugung leisten.
Während im nördlichen Dragonerareal ein vorrangig gewerblich und öffentlich genutztes Quartier entsteht, wird im Südhof ein urbaner Wohnkiez mit gemischt genutzten Erdgeschossen geplant. Die historischen Stallungen der ehemaligen Kaserne, der rückseitige Neu-/Anbau des Finanzamts und die grüne Fuge bilden nicht nur die architektonische Kulisse, sondern zugleich das programmatische Gegenüber des neuen Wohnensembles. Die versetzt angeordneten Punkthäuser erzeugen zusammen mit ihrem Gegenüber unterschiedliche Hofsituationen:
Der Wohnhof
Die Häuser I, H und K gruppieren sich um einen gemeinsamen Wohnhof an der grünen Fuge. Dieser dient als Ort des Ankommens, der Begegnung und der gemeinschaftlichen Nutzung – vom Spielen über das gemeinsame Kochen bis hin zum Arbeiten. Hier befinden sich nicht nur die drei Hauseingänge, sondern auch ein Nachbarschaftsraum für gemeinschaftliches Essen, Drinnenspiel und Homeoffice-Angebote. Über einen separaten Zugang in Haus H gelangt man über eine Schieberampe in den zentralen Fahrradraum mit ca. 190 Stellplätzen, Abstellmöglichkeiten für Fahrradanhänger und Anschlüssen für Elektroräder. Weitere Gästestellplätze befinden sich vor den Hauseingängen, zusätzliche Abstellmöglichkeiten für Lastenräder in den Fugen zwischen Haus I und H sowie Haus H und K. Die dichte, urbane Setzung der Baukörper erzeugt stark frequentierte Außenräume, die weitgehend von großflächigen Abstellflächen und Oberflächenversiegelung freigehalten werden.
Quartierseingang Mehringdamm und südliche Erschließungsstraße
Die äußeren Kanten des Südhofquartiers bilden die südöstliche Fassade von Haus K sowie die südwestlichen Fassaden von Haus K und I. Hier liegt der markante Quartierseingang zwischen U-Bahn-Station und Finanzamt. Haus K fungiert als sichtbarer Hochpunkt, der sich in Gestaltung und Farbgebung gegenüber dem Denkmal jedoch zurückhaltend zeigt. Dem Erdgeschoss kommt eine übergeordnete Bedeutung für das Dragonerareal zu: Große Öffnungen und vertiefte Fassaden – die an Arkaden erinnern – kennzeichnen die öffentlichsten Bereiche des Ensembles. Gemeinsam mit dem Finanzamt bildet Haus K einen kleinen Eingangsplatz, an dem gewerbliche Nutzungen mittlerer Größe wie ein Restaurant, eine Kantine oder ein Café für Bewohner:innen und Mitarbeitende denkbar sind. Die Gewerbeeinheiten lassen sich entlang des Fassadenrasters flexibel in kleinere Einheiten unterteilen. Entlang der Erschließungsstraße sind kleinere Gewerbeeinheiten wie ein Blumenladen, Fahrradladen oder Büros mit Kundenkontakt vorgesehen. Auch Yogastudios oder ähnliche Nutzungen sind möglich. Alle Einheiten lassen sich innerhalb des Fassadenrasters in kleinste Module gliedern.
Die hybriden Höfe / Wohnateliers
Die beiden nördlichen Höfe links und rechts von Haus H sind sowohl Wohnhöfe als auch Kiezhöfe entlang der fußläufigen Nord-Süd-Querung und – öffentlicher – entlang des Boulevards mit dem benachbarten Kiezraum und dem Gegenüber des Finanzamts. Beide Grünräume schaffen Abstand und ermöglichen vielfältige Nutzungsmöglichkeiten in den Erdgeschossen. Vorgesehen ist hier ein nutzungsoffener Ateliertypus, der sowohl Wohnen als auch nicht störendes Gewerbe aufnehmen kann. Gegenüber dem Finanzamt werden eher gewerbliche Nutzungen erwartet, entlang der Nord-Süd-Querung eher Wohnnutzungen – grundsätzlich ist jedoch beides möglich. Die Einheiten sind im Grundmodul als 1-Zimmerwohnung mit Mezzaninebene konzipiert und beliebig im Fassadenraster kombinierbar. Für diese nutzungsoffenen Wohn- und Gewerbeateliers wird das Motiv der Garagentore des Bestands zitiert: Sie dienen als Sonnen- und Einbruchsschutz, Raumteiler und schaffen Privatsphäre auf den Terrassen.
Regelgeschoss
Der respektvolle Umgang mit dem Bestandsdenkmal und die städtebaulich gesetzte Gebäudekubatur stehen im scheinbaren Widerspruch zum Wunsch nach über 60 % kleinen Wohnungen. Die Gebäude ähneln in ihrer Setzung Punkthäusern, sind jedoch durch denkmalpflegerische Vorgaben, Balkonverbote, Abstandsflächenüberlagerungen und Brandschutzauflagen zu tiefen – im Fall von Haus H sehr tiefen – Zeilenbauten mit unterschiedlich orientierten Seiten entwickelt worden.
Die Wohnungen orientieren sich nach Möglichkeit nach Nordwesten und Südosten – zu den Höfen und dort, wo Balkone zulässig sind. Alle Wohnungen der Obergeschosse sind barrierefrei.
Flexibilität Regelgeschoss – Clusterwohnen
Basierend auf einem Regelgeschoss mit kleinen Wohnungen lassen sich minimalinvasiv unterschiedliche Clusterwohnformen realisieren und bei Bedarf wieder zu Einzelwohnungen zurückbauen. In Haus H entstehen Clusterwohnungen, die für Einzelpersonen oder Paare zugeschnitten sind und durch den Zusammenschluss gemeinsamer Wohnbereiche einen Mehrwert schaffen. In Haus I und K werden Einheiten für 2–3 Personen mit kleineren Wohneinheiten zusammengeschaltet.
So kann beispielsweise in der kleinsten Clusterwohnung eine junge Familie einen pflegebedürftigen Elternteil aufnehmen. Kleine Cluster lassen sich zu mittleren und große zu sehr großen Clustern zusammenschalten, sodass Lebensmodelle mit 4, 8–10 oder bis zu 20 Personen möglich werden. Die einfache Anpassung der Grundrisse sowie die Schaltbarkeit unterschiedlich großer Zellen bilden einen wichtigen Baustein für ein nachhaltiges, anpassungsfähiges Wohnangebot.
Architektonisches Konzept
Die Gestaltung orientiert sich an den Vorgaben des städtebaulichen Konzepts und übersetzt diese in eine präzise, materialgerechte Architektursprache:
Fassadenrhythmus: Wechsel aus geschlossenen Wandflächen und großzügigen Öffnungen, unterbrochen durch tiefe Loggien und Balkone.
Materialität: Sockelbereiche mit hellblauem Fliesenbelag, Obergeschosse mit mineralischem Putz; Balkon- und Loggienwände sowie Senkrechtmarkisen mit Holzbekleidung.
Farbkonzept: Changierende, warme Grautöne differenzieren die drei Häuser: Haus I mit Glattputz, Haus H mit Besenstrichputz, Haus K mit grobem Strukturputz. Der gemeinsame Sockel mit hellblauem Fliesenbelag verbindet sie zu einem Ensemble.
Erdgeschosszone: Großzügige Verglasungen bei Gewerbe und Ateliers, klare Adressbildung im gemeinschaftlichen Wohnhof durch vertiefte Eingangssituationen und barrierefreie Zugänglichkeit.
Dachgestaltung: Extensiv begrünte Flachdächer mit PV-Modulen in Aufständerung; technische Aufbauten kompakt in der Dachmitte angeordnet.
Durch diese klar strukturierte, materialbewusste Architektur entsteht ein zusammenhängendes, identitätsstiftendes Ensemble, das sowohl auf den historischen Kontext reagiert als auch zeitgemäße Anforderungen an Nachhaltigkeit und Nutzungsoffenheit erfüllt.
Wettbewerb: 2. Preis, 2025
Wohneinheiten: 129, davon 11 Cluster-Wohnungen
Gewerbe: 11
BGF: 12.852 qm
Bauherr: WBM Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte
In Kooperation mit: ifb Beratenden Ingenieure Part mbH (Tragwerksplanung), Building Applications (Gebäudetechnik), hhp Berlin Prüfgemeinschaft (Brandschutz), Müller BBM Building Solutions (Bauphysik)